Vom Multitasking zum Monotasking – oder direkt in die nächste Perfektionismusfalle?
Heute bin ich laufen gegangen.
Eigentlich nichts Besonderes. Laufen gehört für mich seit Jahren zu den Dingen, die mir guttun. Es bringt mich in Bewegung, schafft Abstand zum Alltag und hilft mir, Gedanken zu sortieren.
Heute habe ich allerdings eine Mission: Laufen als Monotasking.
Nur laufen. Keine Unterrichtsplanung nebenbei im Kopf. Keine Praxisideen. Keine gedanklichen Problemlösungen. Einfach nur laufen. Hier und jetzt.
Ich laufe also los – ganz allein mit mir und dem Laufen.
Doch schon nach kurzer Zeit fühlt sich etwas seltsam an. Meine Beine werden schwer, mein Puls scheint heute deutlich höher als sonst und mit vermeintlich steigendem Puls sinkt meine Motivation ins Bodenlose.
War die Strecke eigentlich schon immer SO hügelig?
Was sonst befreiend und entspannend ist, fühlt sich plötzlich anstrengend an.
Während ich weiterlaufe, frage ich mich: Kann es sein, dass nicht das Laufen das Problem ist – sondern mein Versuch, es „richtig“ zu machen?
Denn wenn ich ehrlich bin, waren meine schönsten Laufrunden selten still.
Beim Laufen hatte ich oft meine besten Ideen. Unterrichtsstunden entstanden quasi nebenbei. Probleme, über die ich vorher stundenlang gegrübelt hatte, lösten sich plötzlich wie von selbst.
Gedanken durften kommen und gehen, sich verbinden, weiterziehen.
Vielleicht war genau das meine Art von Entspannung.
Und vielleicht muss sie nicht der aktuellen Empfehlung entsprechen.
Versteh mich nicht falsch: Ich schätze Monotasking sehr.
Ich liebe die Momente, in denen ich einem Menschen meine volle Aufmerksamkeit schenken kann. Wenn ich mit meinen Schülern in ein tiefes Gespräch eintauche. Wenn ich spüre, dass zwischen den ersten Antworten noch etwas Wichtiges verborgen liegt. Wenn ich einer Freundin wirklich zuhöre. Wenn ich mit einem Klienten gemeinsam seine Welt erkunde, um besser zu verstehen, was ihn bewegt.
Und ich genieße die Augenblicke, in denen ich in meinem Garten sitze und einfach nur den Vögeln lausche.
Das sind kostbare Erfahrungen.
Aber genauso wahr ist: Mein Alltag besteht nicht nur daraus.
Als Lehrerin erlebe ich täglich Situationen, in denen Monotasking schlicht nicht möglich und manchmal auch nicht sinnvoll ist. Während ich versuche, ein technisches Problem zu lösen, braucht ein Kind Hilfe. Während ich ein Gespräch führe, werden nachgeholte Hausaufgaben abgegeben. Während ich eine Frage beantworte, kündigt sich bereits die nächste an.
Das Leben hält sich nicht immer an die Regeln der Achtsamkeitsratgeber.
Vielleicht liegt die Lösung deshalb nicht darin, Multitasking grundsätzlich zu verteufeln oder Monotasking zum neuen Ideal zu erklären.
Denn manchmal habe ich den Eindruck, dass wir uns mit den besten Absichten die nächste Perfektionismusfalle bauen.
Früher wollten wir produktiver sein.
Heute wollen wir achtsamer sein.
Früher wollten wir mehr schaffen.
Heute wollen wir bewusster leben.
Doch der innere Druck bleibt derselbe.
Plötzlich wird selbst Entspannung zu etwas, das gelingen muss.
Vielleicht brauchen wir schlicht nicht noch ein weiteres Leistungsprojekt.
Vielleicht genügt es, bewusster zu wählen.
Zu bemerken, wann uns Fokus guttut. Zu bemerken, wann unser Geist Freiraum braucht. Und uns immer wieder kleine Inseln der Ruhe zu gönnen – nicht, weil wir etwas optimieren wollen, sondern weil sie uns guttun.
Für mich liegt darin bereits eine Form von leiser Stärke.
Nicht in der perfekten Methode.
Sondern in der Freiheit, aufmerksam mit sich selbst umzugehen und immer wieder neu zu entscheiden, was gerade wirklich gebraucht wird.
Herzlichst
Stefanie Seubert
Leise Stärke – Coaching & Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz